5 Jahre nach Ausschreibungsbeginn – AOK Hessen will Versorgungsqualität bei Hilfsmitteln gegen Dekubitus untersuchen

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Seinerzeit gab es heftige Kritik von vielen Seiten. Renommierte Pflegewissenschaftler wie Frau Professor Bienstein von der Universität Witten-Herdecke und Dr. Lahmann von der Berliner Charité zeigten die Widersprüchlichkeit und die mangelnde fachliche Basis der Vertragsinhalte sowie die Risiken für die Versicherten auf. Auch der BVS erläuterte der AOK Hessen noch im August 2012 in einem mehrseitigen Schreiben, dass die Krankenkasse mit ihrer Vorgehensweise erhebliche Gefahren für Ihre Versicherten eingehe. Der BVS führte dezidiert auf, dass eine Umsetzung der im Ausschreibungsvertrag festgelegten Dienstleistungen, die Definitionen des HMV und die seit dem 01.07.2008 gesetzlich vorgegebenen Inhalten des Expertenstandards, mit dem Erstattungspreis der AOK Hessen nicht ansatzweise erfüllt werden können. Damit nehme die Kasse in der Konsequenz aber eine Fehlversorgung ihrer Versicherten in Kauf.

Nach Bekanntwerden der Defizite im Zulassungsverfahren der PG 11 und des Missbrauchs von Testergebnissen ist inzwischen auch die Politik auf die offenkundige Willkür in dieser sensiblen und folgekostenträchtigen Produktgruppe aufmerksam geworden. Der BVS begrüßt daher grundsätzlich, dass die AOK Hessen 5 Jahre nach Start der Ausschreibung nunmehr endlich die Versorgungsqualität und die Kundenzufriedenheit von einem externen Institut untersuchen lassen will. Der BVS fordert bereits seit langem systematische Qualitätskontrollen und Vertragsprüfungen durch die Krankenkassen oder das BVA. Fehlende Kontrollen von Kostenträgerseite öffnen seit Jahren Tür und Tor für Dumpingangebote und Vertragsbeitritte von wenig qualifizierten Anbietern, die keine Konsequenzen bei "Umgehung" der Vereinbarungen fürchten müssen.

Der Kontext, in dem die AOK Hessen die Untersuchung der Dekubitusversorgung veröffentlichte, lässt allerdings nichts Gutes ahnen. Unter der Überschrift „Qualität um jeden Preis?“ wird auf der Webseite der AOK darauf hingewiesen, dass es oberste Priorität sei, „die bisherigen qualitativ hochwertigen Versorgungsstandards zu halten. Dazu zählen unter anderem die hohen Anforderungen an die Qualifikation des Fachpersonals und die Produktqualität.“ Ob man einer Krankenkasse, die davon ausgeht, dass eine komplexe Versorgung mit individueller Bedarfsermittlung durch examiniertes Pflegepersonal, Dokumentation, Beratung, Produktlieferung für alle Indikationsklassen, Einweisung, Abholung, hygienische Aufbereitung, anteilige Wartungs- und Reklamationskosten sowie dem administrativen Aufwand rund um die Abrechnung für wenig mehr als 100,00€ zu leisten sei, eine seriöse Überprüfung der Versorgungsqualität zutrauen darf, sollte jeder für sich entscheiden. Fest steht hingegen, dass der Kostenaufwand einer ausschreibungskonformen Versorgung den Erstattungspreis bei objektiver und sachlicher Kalkulation gleich mehrfach übersteigt. Ob die Ausschreibungsgewinner vor diesem Hintergrund die Anforderungen in der PG 11 erfüllen können oder sich ihre eigene, unkontrollierte Versorgungspraxis geschaffen haben, sei ebenso dahingestellt.

In Bezug auf die von der AOK Hessen beabsichtigten Studie muss man befürchten, dass es einzig und alleine darum geht, das eigene Handeln zu rechtfertigen und lästiger Kritik zu begegnen. Nur so ist zu verstehen, dass der AOK-Vorstand dem BVS noch vor einem Jahr entgegnete, dass man die „Versorgungsqualität durch eigene Hausbesuche selbst überprüfe und zufrieden sei“, nun aber ein externes Institut mit der Prüfung beauftragt. Ignorierte man bei Ausschreibungsstart noch die Hinweise führender Pflegewissenschaftler, bedient man sich jetzt einem an die Goethe-Universität angekoppelten wissenschaftlichen Institut. Dabei sind die Mängel der Ausschreibung und das Missverhältnis von Erstattung und Leistungen auf dem Papier im Fall der AOK Hessen derart gravierend, dass man sich die Kosten für eine Prüfung des angeblich hochwertigen Versorgungsstandards im Grunde sparen kann und diese besser in die Versorgung der Versicherten investieren sollte.

Der BVS wird es nicht zulassen, dass eine Krankenkasse die mit Ihrer Leistungsgestaltung offenkundig die körperliche Unversehrtheit Ihrer Versicherten gefährdet, Ihr Vorgehen anschließend mit einer Studie rechtfertigt. Daher wird der BVS die AOK Hessen bitten, das Konzept und Design der Studie offenzulegen. Weiterhin wird der BVS der AOK Hessen bzw. dem Institut seine fachliche Unterstützung bei der Studie zur Produktgruppe 11 anbieten. Es muss sichergestellt werden, dass die Untersuchung nicht auf der Ebene „Waren Sie denn zufrieden?“ hängen bleibt. Wichtige Parameter für die Beurteilung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung, wie beispielsweise Reaktionszeiten, präventive bzw. therapeutische Wirksamkeit, der Vergleich nachgelagerter Folgekosten in anderen Leistungsbereichen, die Prüfung wer die Versorgung wie durchführte, müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Repräsentativität der Betrachtungsfälle für die Bandbreite der Indikationsstellungen, die eingesetzte Produktvielfalt vor dem Hintergrund der individuellen Versorgung und die Einbeziehung des Urteils der professionell Pflegenden. Die AOK Hessen sollte wissen, dass es die Beteiligten nicht hinnehmen werden, dass mit den vorliegenden Ausschreibungsinhalten etwas "wissenschaftlich Nicht-Mögliches mit etwas Nicht-Sinnvollem verknüpft" (Dr. Lahmann) und anschließend mit etwas Nicht-Glaubhaften belegt wird.