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BVS - Marktinformation vom 25. November 2014

Als PDF-Download oder als ausführliche Online-Version.

Präqualifizierung - Fortschreibung

Der GKV-Spitzenverband hat die seit dem 1. Januar 2011 geltenden Empfehlungen für eine einheitliche Anwendung der Anforderungen an eine ausreichende, zweckmäßige und funktionsgerechte Herstellung, Abgabe und Anpassung der Hilfsmittel nach § 126 Absatz 1 Satz 3 SGB V mit Wirkung zum 1. Januar 2015 zum dritten Mal fortgeschrieben. Wesentlicher Fortschreibungsinhalt ist die Aufnahme von Nachqualifizierungsmöglichkeiten für die fachliche Leitung für diverse Versorgungsbereiche im Bestandsschutz. Leistungserbringer, die die in den Eignungskriterien vorgesehenen Anforderungen an die berufliche Qualifikation des fachlichen Leiters nicht erfüllen, erhalten so die Möglichkeit, die Nachqualifizierungen bis zum Ablauf der Bestandsschutzverlängerung im Jahr 2015 durchzuführen und auf diese Weise die für die fachliche Leitung erforderlichen Qualifikationen zu erwerben.
Weiterhin wurden die beruflichen Qualifikationen für die fachlichen Leitungen diverser Versorgungsbereiche um weitere Qualifikationen ergänzt.

Für folgende Versorgungsbereiche sind Nachqualifizierungen möglich:
• 10B Gehwagen, Gehübungsgeräte, Sonstige Gehhilfen
• 14A Modulare respiratorische Systeme …
• 14B Konfektionierte Masken zur Adaption respiratorischer Systeme
• 14C Individuell angefertigte Masken zur Adaption respiratorischer Systeme
• 14E Abklopf- und Vibrationsgeräte, In-/Exsufflator
• 14F Sauerstofftherapiegeräte
• 17C Hilfsmittel zur Narbenkompression (inklusive Schulung)
• 18A Kranken-/Behindertenfahrzeuge, Rollstühle mit Sitzkantelung, Pflegerollstühle
• 19A Krankenpflegeartikel …
• 22B Lifter und Zubehör zu Liftern, Rampensysteme, Zwei-/Dreiräder und Zubehör
• 28A Stehhilfen
• 32A Therapeutische Bewegungsgeräte
• 32B CPM-Motorbewegungsschienen
• 33A Toilettenhilfen

Auf der Internetseite des GKV-Spitzenverband
http://www.gkv-spitzenverband.de/krankenversicherung/hilfsmittel/praequalifizierung/eignungskriterien/eignungskriterien.jsp
finden Sie die Fortschreibung der Präqualifizierung.


Opposition findet nun auch in der Gesundheitspolitik statt

Nachdem sich die Fraktion DIE LINKE mit einer Anfrage zum Thema der externen Hilfsmittelberater an die Bundesregierung gewandt hat, betreiben auch BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN verstärkt Opposition.
Nachdem wir auch die gesundheitspolitischen Sprecherin, Klein-Schmeink, über die Qualitätsprobleme im Zusammenhang mit Ausschreibungen informiert haben, findet auch dieses Thema Eingang in den gestellten Antrag.
In einem Antrag der Fraktion an den Deutschen Bundestag „Die Versorgung von Menschen mit Behinderung menschenrechtskonform gestalten“ geht es nicht nur um das Thema des barrierefreien Zugangs von Patienten zu Arztpraxen, sondern auch um die Themen Qualität im Zusammenhang mit Ausschreibungen, die wohnortnahe Versorgung und besonders die Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention.
Gerade im Zusammenhang mit der Versorgungssituation in der PG 11 (Dekubitusversorgung) haben f.m.p. e.V. und Bundesverband des Sanitätsfachhandel e.V. auf die nicht mehr sichergestellte Unversehrtheit des Patienten hingewiesen.

Im Antrag heißt es weiter:

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf

die Gesundheitsversorgung im Sinne der Artikel 25 und 26 UN-BRK umzugestalten.
Insbesondere ist es hierzu erforderlich,
……………
9. in allen in Frage kommenden Sozialgesetzbüchern klarzustellen, dass auch die Versorgung mit Hilfsmitteln zum mittelbaren Behinderungsausgleich dem Teilhabeanspruch nach der UN-Behindertenrechtskonvention hinreichend Rechnung tragen muss und sich nicht auf die Bewältigung der für die Deckung des physischen Existenzminimums notwendigen Aktivitäten beschränken darf;
10. auf verbindliche erweiterte Qualitätsstandards für Ausschreibungen in der Hilfsmittelversorgung hinzuwirken und zu diesem Zweck die Krankenkassen zu verpflichten, Patientenbefragungen und Assessmentverfahren zur Hilfsmittelversorgung durchzuführen;
11. gemeinsam mit den Ländern im Rahmen der Aufsicht über die Krankenkassen darauf hinzuwirken, dass bei Hilfsmittelverträgen nach § 127 Absatz 1 und Absatz 2 SGB V die gesetzlichen Vorgaben insbesondere zur notwendigen Beratung der Versicherten sowie zur wohnortnahen Versorgung umgesetzt werden;
15. bei Krankenhäusern und Kostenträgern darauf zu dringen, dass das Entlassmanagement nach § 39 SGB V flächendeckend zu einem funktionierenden Fallmanagement beim Übergang vom Krankenhaus in die ambulante Versorgung ausgebaut wird, damit frühzeitig die notwendigen Leistungsanträge formuliert werden und keine Versorgungslücken beim Übergang vom Krankenhaus in die ambulante Versorgung entstehen;

Die Mehrheitsverhältnisse im Deutschen Bundestag sind bekannt, aber dass die Branchenprobleme zunehmend auch in der Gesundheitspolitik auf Verständnis stoßen und politisch thematisiert werden, ist der richtige, wenn auch noch nicht der Mehrheitsweg im Bundestag.

Den kompletten Antragen finden Sie hier als Download.

 

QVH Qualitätsforum Hilfsmittel 2014
Qualität in der Hilfsmittelversorgung – Was kommt beim Patienten an?

Als Gesundheitspolitiker der CDU und Mitglied des Ausschuss für Gesundheit trat Dr. Roy Kühne, MdB mit dem Vortragsthema „Versorgungsqualität in der Hilfsmittelversorgung – stärken und sichern„ an.
Dr. Kühne ist Unternehmer im Gesundheitswesen, kennt also die Strukturen und ist als Mittelständler vielleicht ein gesundheitspolitischer Lichtblick in einer Partei, die sich von Mittelstandspolitik und kritischer Betrachtung der Zustände in der Patientenversorgung verabschiedet zu haben scheint.
Dr. Kühne war sehr gut, zu den die Branche betreffenden Themen
- Externe Hilfsmittelberater
- Hilfsmittelausschreibungen
- Versorgungssituation beim Patienten
- Entlassmanagement
vorbereitet und zeigte sich gut über einzelne Auswirkungen und Fehlentwicklungen informiert, was nicht zuletzt an den Bemühungen um Information, Wecken von Problembewusstsein in Gesprächen und Unterlagenüberlassung auch der in der f.m.p. zusammengeschlossenen Verbände liegen dürfte.

Externe Hilfsmittelberater
Hier unterstrich Kühne die nicht akzeptable Verletzung des Datenschutzes, die bereits vor geraumer Zeit vom Bundesdatenschutzbeauftragten gerügt wurde. Kritisch wies er auf die unterschiedlichen Rechtsauffassungen bei den Aussichtsbehörden BVA und Landesgesundheitsministerium, hier explizit NRW, hin. Nach seiner Aussage prüft das BMG z.Zt. den Sachverhalt erneut.
Mit seiner Position hebt sich Kühne sehr positiv von den bisherigen Aussagen des gesundheitspolitischen Sprechers der CDU, Jens Spahn, ab. Da das BMG sich nun mit dem Thema erneut beschäftigt, dürfte die auf den Angaben des GKV-Spitzenverbandes basierende Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE, dass es sich hier bei der Begutachtung durch externe Hilfsmittelberater um Einzelfälle handelt, auch nach Auffassung der Bundesregierung nicht ganz richtig sein. Die hierzu von der f.m.p. dargestellten Zahlen unterstreichen das.

Hilfsmittelausschreibungen
Der in der Branche noch nachhallende Satz des Vorstandsvorsitzenden der DAK, Prof. Rebscher, beim Bauerfeind-Forum „Wir müssen leider mit dem Preis punkten und nicht mit der Qualität“ wurde auch von Kühne kritisch gesehen. Der forderte eine qualitative und auf den Patienten angepasste, somit individuelle, Versorgung und sprach von notwendigen Qualitätsdefinitionen im Zusammenhang mit Ausschreibungen. Damit steht Kühne gesundheitspolitisch nicht alleine. In einem aktuellen Antrag der Fraktion DIE GRÜNEN heißt es:
Insbesondere ist es erforderlich……..

…..auf verbindliche erweiterte Qualitätsstandards für Ausschreibungen in der
Hilfsmittelversorgung hinzuwirken und zu diesem Zweck die Krankenkassen zu
verpflichten, Patientenbefragungen und Assessmentverfahren zur Hilfsmittelversorgung
durchzuführen;

Versorgungssituation beim Patienten
Auch durch seine Tätigkeit als Leistungserbringer im Gesundheitswesen sind Kühne die z.T. ungeheuerlichen Zustände in der Patientenversorgung bekannt. Er forderte dazu auf, die Politik mit den Missständen zu konfrontieren. Schließlich seien die Auswirkungen ja bereits bekannt.
Damit wiedersprich Kühne nicht nur Gesundheitsminister Gröhe, sondern auch dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, die unabhängig voneinander in Gesprächen von Patientenbeschwerden, die über Einzelfälle hinausgehen, nichts wissen (wollen?).

BVS und f.m.p. sind gerne bereit, die Arbeit von Kühne intensiv zu unterstützen.
Hier bitten wir aber auch die Branche um Unterstützung.
Sicher verfügen alle Leistungserbringer über Fälle von Fehlversorgungen, Versorgungsverweigerungen durch die Kasse, massiven Qualitäts- und Dienstleistungsverschlechterungen nach Ausschreibungen.
Bitte informieren Sie uns per Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! über Fälle, die wir, anonymisiert, aber konzentriert in die Gespräche mit Gesundheitspolitikern, nicht zuletzt Dr. Kühne, einbringen werden.

Ökonomische Anreize definieren Versorgungsqualität
So sollte der Vortrag des Vorstandsvorsitzenden der DAK überschrieben sein.
Nicht ganz unerwartet hat Rebscher seine Teilnahme an der Veranstaltung kurzfristig absagen müssen. Dafür durfte Herr Graf, bei der DAK für das Hilfsmittelmanagement zuständig, die Folien seines Chefs präsentieren. Über die Qualität des Inhaltes können Sie sich in den nächsten Tagen selbst ein Bild machen.
Alle Vorträge der QVH Veranstaltung stehen demnächst auf der Internetseite www.qvh.de zur Verfügung.

Herr Graf sieht bei der Gestaltung einer qualitativ guten Versorgung viele Probleme im Hilfsmittelverzeichnis begründet. Hier gäbe es enormen Überarbeitungsbedarf. Man müsse aber Verständnis dafür haben, dass Frau Grienberger angesichts einer langen Arbeitsagenda hierzu nicht komme.
Graf lieferte bei seinem Vortrag auch einen aufschlussreichen Einblick in die Denkweise einer Ausschreibungskasse. Gradmesser für die Gestaltung von Vergütung und Leistungsqualität in der Hilfsmittelversorgung seien interne Befragungsergebnisse und Beschwerdequoten. Wenn sich niemand beschwere, sei offensichtlich alles in Ordnung. Für den Zuhörer ergab sich hieraus zwangsläufig die Schlussfolgerung, dass die Versorgungsqualität so weit runter gefahren werden könne, bis die Beschwerden signifikant ansteigen würden.
Offensichtlich orientieren sich Ausschreibungskassen nicht mehr an dem medizinisch, pflegerisch für den einzelnen Betroffenen notwendigen und zweckmäßigen Leistungen, sondern nach negativem Feedback der Versicherten.
Da dieses bei alten, pflegebedürftigen Menschen und belasteten Angehörigen in der Regel ausbleibt, weil man in dieser Lebenssituation andere Probleme hat oder gar nicht weiß, wie man sich wehren kann, ist hier das Ende der Qualitätsabsenkung wohl noch nicht erreicht.
Einziger Lichtblick im Vortrag von Herrn Graf: Die Situation in der PG 11, die durch die IWAK-Studie öffentlich wurde, habe ihn auch schockiert. Dies sei sicher ein Bereich, in dem Ausschreibungen nicht sinnvoll sind.

Als Statement der Leistungserbringer, wird der Vortrag des stellvertr. Vorsitzenden der f.m.p. nachfolgend ausführlicher dargestellt:

Hinter der Wohnungstür – Hilfsmittelversorgung 2014

Einen Einblick in die Hilfsmittelversorgung hinter der Wohnungstür vermitteln, wollte anschließend Patrick Kolb, stellvertretender Vorsitzender der f.m.p. - Fachvereinigung Medizin-Produkte, in der die Verbände BVS - Bundesverband des Sanitätsfachhandels, ZMT - Zentralvereinigung medizin-technischer Fachhändler, Dienstleister und Berater e.V., EGROH - Dienstleister für den Gesundheitsfachhandel und sanum – Spitzenverband ambulante Nerven- und Muskelstimulation e.V. zusammengeschlossen sind.
Kolb bat zunächst um Verständnis dafür, dass die f.m.p. aktuelle Versorgungsdefizite sehr deutlich anspreche. „Wenn es um die Gesundheitsversorgung geht, muss man kontrovers miteinander diskutieren und auch mal harte Kritik aushalten können. Wichtig ist doch, dass man nicht den gemeinsamen Konsens der Sozialgesetzgebung und die Zielsetzung einer guten Versorgung der Menschen in unserem Landes verlässt.“

Mit dem GKV-FQWG habe die Politik allerdings die Chance verpasst, einen echten Qualitätswettbewerb in der Versorgung zu gestalten. Stattdessen setze man mit dem einkommensabhängigen Zusatzbeitrag bewusst auf einen reinen Preiswettbewerb unter den Krankenkassen, der Innovationskraft, Qualität und Service einer Krankenkasse nicht berücksichtigen würde. Die Krankenkassen würden zur Vermeidung eines Zusatzbeitrages entsprechend versuchen, massiv Kosten zu senken. Bundesgesundheitsminister Gröhe befeuere diesen Druck auf die Kassen noch zusätzlich, da er mit seinen Aussagen Kassen mit höheren Beiträgen als schlechte Wirtschafter stigmatisiere und den Menschen suggeriere: „Die günstigste Kasse sei immer die Beste.“

Preiswettbewerb = Rationalisierung = Rationierung

Hauptgrund für die Initiierung dieses Preiswettbewerbes und der totalen Ökonomisierung des Sozialen sei das Prestigeobjekt des ausgeglichenen Haushaltes von Wolfgang Schäuble. Das politische Ziel des ausgeglichenen Haushalts und der geringen Investitionen sei aber ökonomisch nicht sinnvoll, wenn der Verschleiß größer ist als die Investitionen, wenn man also von der Substanz lebe. Klar sei laut Kolb, dass der losgetretene Preiswettbewerb zur Rationalisierung führe und Rationalisierung zwangsläufig zur Rationierung von Leistungen. Mit einer Kürzung von Leistungen müsse eine Gesellschaft auch eventuell leben. Das Problem sei aber, dass in Deutschland keine ehrliche Debatte darüber geführt wird, welche Leistungen erhalten bleiben sollen und was unserer Gesellschaft die Versorgung der pflegebedürftigen Elterngeneration wert ist. Die Politik gehe dieser schwierigen und unpopulären Frage um Werte und Leistungen aus dem Weg. Sie mache es sich sehr einfach und behaupte, die Kassen müssen nur effizient wirtschaften, dann sei eine gute Versorgung möglich. Die Lösung dieser „Herkulesaufgabe“ würde die Politik den einzelnen Krankenkassen überlassen bzw. sie damit alleine lassen.

Als Spielwiese für Kosteneinsparungen mit dem bisher geringsten öffentlichen Widerstand haben einige Krankenkassen laut Kolb schon seit Jahren den Hilfsmittelsektor ausgemacht. Dabei würde schnell vergessen, dass in dem relevanten Segment der Reha-Hilfsmittel bzw. bei den Hilfsmitteln für die häusliche Versorgung die Erstattungspreise in den letzten Jahren bereits um durchschnittlich 70% gefallen sind.

Irgendwann würde ein Niveau erreicht, in dem die Hilfsmittel nicht mehr der Sozialgesetzgebung einer ausreichenden und zweckmäßigen Versorgung entsprechen.

Bei vielen Hilfsmittelausschreibungen sei dies schon heute so. Es sei deshalb wichtig, Transparenz in das Handeln der Ausschreibungskassen zu bringen und sie aufzufordern, ihrer Verantwortung und der Sozialgesetzgebung nachzukommen. Eine Aushöhlung der Gesetzgebung und der Solidargemeinschaft zu Lasten der Versicherten könne im Interesse der Menschen und der Branche nicht hingenommen werden. Man sehe zwar die schwierige Situation der Krankenkassen, kritisiere aber, wie vornehmlich die Ausschreibungskassen versuchen, diese Situation für sich zu lösen.

Duldung von Vertrags- und Gesetzesverstoß zu Lasten der Versicherten

Als besonderes Negativbeispiel stellte Kolb die Ausschreibung von Antidekubitus-Liegehilfen bei der AOK Hessen heraus. Hier sei auf den ersten Blick klar gewesen, dass die vertraglich definierten Leistungen mit den Erstattungspreisen weder theoretisch, noch praktisch, zu erbringen seien. Dies habe man der AOK Hessen als Verband schon 2012 dezidiert dargestellt. Dennoch habe sich der Vorstandsvorsitzende seinerzeit hingestellt und geantwortet: „Nur Fachkräfte führen eine Erhebung vor Ort durch und wählen individuell das benötigte Antidekubitus-Hilfsmittel aus. Die Versorgungsqualität der AOK Hessen wird regelmäßig überprüft und nur hochwertige, erstklassige Produkte, individuell auf die Patientenbedürfnisse angepasst, kommen zum Einsatz.“

Die IWAK-Studie der Goethe Universität Frankfurt habe dann genau das Gegenteil bewiesen: In 75% der Fälle fand keine Erhebung vor Ort statt, 80% der Versicherten wurden nicht rechtzeitig versorgt, bei 34,4% fand keine Einweisung statt und schließlich wiesen die verwendeten Produkte darauf hin, dass die Versicherten mit einer Einheitsversorgung aus dem untersten Preissegment, keinesfalls aber individuell, versorgt wurden.

Das Ergebnis werfe die Frage auf, ob die AOK Hessen Verstöße gegen MPBetrV, HiMi-Richtlinien, Expertenstandard und schließlich den eigenen Vertrag und damit die Gefährdung ihrer Versicherten in Kauf nehme, weil der Erstattungspreis eine Erfüllung von Beginn an nicht zuließ. Fraglich sei auch, ob der ganze Ausschreibungsprozess ein Fall für das BVA und die Mängel in der Versorgung ein Fall für das BfArM seien, ob ein Verstoß gegen die Vergabeordnung vorliege, wenn die Bieter bereits vorher wissen, dass sie die Leistung zum Angebotspreis gar nicht erbringen können. Schließlich müsse man sich auch fragen, welches Rechtsverständnis und welche Verantwortung gegenüber den Versicherten bei den Beteiligten vorliegen würden. Die Multikausalität der Dekubitusentstehung und die Problematik des Schadensnachweises würden direkte Konsequenzen für die Beteiligten schwierig gestalten. Nach IWAK sei aber klar, dass keine Krankenkasse mehr das Versorgungsgeschehen nach einer Ausschreibung laufen lassen könne, ohne engmaschige Kontrollen durchzuführen.

Der Zusatzbeitrag durch die Hintertür

Eine weitere Verwerfung der Ausschreibungen sei aus Sicht von Kolb, dass sie für den Ausschreibungsgewinner einen Zwang zu Aufzahlungsgeschäften, Mitnahmeverkäufen und der Generierung weiterer - oft unnötiger - Verordnungen implizieren. Das Märchen vom Mengeneffekt, das Ausschreibungskassen gerne als Begründung für Niedrigpreise anführen, könne leicht widerlegt werden.

Die geringstmöglichen variablen Kosten bei der Einzelversorgung eines Rollators lägen laut Kolb bei 47,10€. Wenn nun, wie bei der DAK, Ausschreibungspreise für eine Rollatorversorgung von unter 30,00€ zustande kämen, müsse der Ausschreibungsgewinner zur Vermeidung von Verlusten handeln. Dies sei bei den Rollstuhlausschreibungen nicht anders.

In der Regel stehe das Produkt, das der Losgewinner liefert, von vorneherein fest. Ob dieses Produkt im spezifischen Einzelfall für den Patienten zweckmäßig und ausreichend ist, das heißt, ob die Gebrauchseigenschaften im Alltagsleben des Versicherten gewährleistet sind und der Grad der Zielerreichung mit dem Hilfsmittel akzeptabel ist, werde nicht mehr geprüft. Der Versicherte zahle im Rahmen der Ausschreibung von Rollatoren immer auf, wenn er in seinem Bedürfnis vom mitgebrachten Produkt des Ausschreibungsgewinners abweicht. Wenn man aber als Betroffener für eine zweckmäßige Versorgung aufzahlen muss, entspricht dies zum einen nicht mehr der Sozialgesetzgebung und zum anderen sei dies ein versteckter Zusatzbeitrag. Dieser sei aber nicht mehr solidarisch, sondern exklusiv für die Alten und Kranken, die es ohnehin schon schwer genug haben. Kolb meinte, dass Ausschreibungskassen ihre Versicherten dem Losgewinner auf dem Ausschreibungstablett präsentieren, der anschließend seine Kompensationsgeschäfte tätigen würde.

Entsolidarisierung und Förderung der Zweiklassenmedizin

Als dritte Folge der Ausschreibungen führte Kolb an, dass es Versicherte gäbe, die nicht aufzahlen können und damit unter Umständen nicht einmal die Leistung bekommen, die ihnen gesetzlich zusteht. Fraglich sei, ob die Chance auf Mobilität und Teilhabe am Leben bei den Ausschreibungskassen in Zukunft vom Geldbeutel des Erkrankten abhänge. Er erläuterte, dass der GKV-Versicherungsschutz in der Hilfsmittelversorgung kein homogenes Gut sei. Es gebe hier elementare Unterschiede in den Leistungen der Krankenkassen. Ob man als Versicherter der AOK Hessen eine Antidekubitusversorgung bekomme oder eventuell bei einer BKK versichert sei, die in diesem Segment Wert auf Gesetzeskonformität und Qualität legt, auch um Folgekosten zu sparen, sei ein großer Unterschied, dies sei eben nur noch nicht transparent.

Kritische Geschäftsmodelle zwingen zum Losgewinn und schaden den Krankenkassen

Neben der Ausschreibung sah Kolb in der Wettbewerbsbeschränkung durch „Exklusivverträge“, die manche Leistungserbringer mit Kliniken und großen stationären Einrichtungen unterhielten, die größte Gefahr für die klein- und mittelständisch geprägten Branchenbetriebe. Für Kickback-Zahlungen oder Leistungen unterschiedlichster Art, die sich am Verordnungswert orientieren, würden Rezepte unter dem Deckmantel des „Entlassmanagements“ an den zahlenden Fachhändler vermittelt. Um dieses Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten, müsse der betreffende Leistungserbringer unbedingt das Ausschreibungslos gewinnen. Es sei aber nun nicht so, dass die Krankenkassen von diesem Zwang zum Dumpingpreis profitierten. Der Druck reduziere zwar den Ausschreibungspreis aber überall dort, wo der Verordner direkt am Rezeptwert beteiligt sei, würden fragwürdige Indikationspakete verordnet oder kostenintensive Hilfsmittel rezeptiert. Diese Kosten zehren die Ausschreibungsersparnis rasch auf und treiben die Kosten der Krankenkasse über-proportional in die Höhe.

Kolb zeigte sich davon überzeugt, dass die Kassen mindestens 15% ihrer Hilfsmittelausgaben einsparen könnten, wenn sie sich konsequent mit dem Thema „Korruption“ auseinandersetzen würden. Dateninstrumente, um Korruptionsverdacht festzustellen, seien ausreichend vorhanden.

Verwundert zeigte sich Kolb darüber, dass andere Krankenkassen, im Gegensatz zu DAK und Co., bei der Betrachtung des gleichen Marktes und des gleichen Leistungsgegenstandes zu einer völlig anderen Einstellung zu Ausschreibungen kommen.
Eine wissenschaftliche Analyse der BARMER GEK kam 2013 zu dem Ergebnis:
„Auch wenn der mit einem Bekanntmachungsvertrag erzielte Preiseffekt regelmäßig niedriger sein dürfte als bei öffentlichen Ausschreibungen mit Exklusivzuschlägen, sind die Ergebnisse in der Aufwands- und Ertragsrechnung meist besser, da unerwünschte Effekte der Versorgung und die Widerstände der Marktteilnehmer geringer ausfallen....Die Bekanntmachungsverträge werden von den Krankenkassen als das insgesamt wirtschaftlich überlegene Konzept für selektive Versorgungsverträge angesehen. Sie sind besser geeignet, individuell zugeschnittene Versorgungsprozesse abzubilden….“

Kolb meinte abschließend, die Ausschreibungen der DAK erschienen in diesem Zusammenhang als mit der heißen Nadel gestrickt. Abhängig davon, ob die Branche die sich bereits abzeichnenden Reaktionen konsequent weiterverfolge, werde sich der Ausschreibungskurs für die DAK auch wirtschaftlich nachteilig entwickeln.